Hermanson, Marie – Der unsichtbare Gast

Hermanson, Marie Der unsichtbare Gast 978-3-458-17648-0 Insel Verlag

Hermanson, Marie
Der unsichtbare Gast
978-3-458-17648-0
Insel Verlag

Inhalt:

Auf Gut Glimmenäs lebt in einem ehemals herrschaftlichen Haus Florence Wendman,  die umgeben ist von tickenden alten Uhren. Ihre innere Uhr ist 1943 stehen geblieben, da war sie ein junges Mädchen.

Um sie herum hat sie eine Gruppe junger Leute, die ihr zu Diensten sind. Als Sekretärin, als Köchin, als Hausmeister, als Chauffeur. Die alte Dame kann ihnen  bieten, was sie anderswo nicht gefunden haben: Unterkunft und eine Arbeit, von der sie leben können. Die jungen Leute fühlen sich

auf dem verfallenden Gutshof wohl. Der Weinkeller ist gefüllt, die Kleider aus den 40er Jahren, die sie zu tragen haben, sind schön, der Ort wirkt verzaubert. Sie bewirten Florence‘ Gäste, die in Wirklichkeit lange tot sind. Sie sind Schauspieler in einem Stück, das Florence‘ Leben war.

Als aber ein weiterer Besucher auf das Gut kommt, der alles auf den Kopf stellt, zeigt die Inszenierung Risse. Wer ist dieser junge Mann, der nach Florence‘ Testament fragt? Wie weit werden sie gehen, um ihr angenehmes, weltfremdes Leben gegen ihn zu verteidigen?

Meine Meinung:

Dieses Buch wurde während des Glühweinabends in der Stadtbücherei Simmern von der Rottmann-Buchhandlung/Frau Heinrich präsentiert. Es dauerte einige Wochen, bis ich mit der Ausleihe an der Reihe war und ich habe das Buch dann auch gleich Abends gegen zehn Uhr angefangen zu lesen – und konnte nicht mehr aufhören!

Die Geschichte handelt von fünf jungen Menschen, die sich im Gutshaus Glimmenäs in einer Art Rollenspiel wiederfinden. Die betagte und reiche Besitzerin Florence Wendman ist geistig in den 40iger Jahren stehengeblieben und staffiert sich ihr Leben a la „Dinner for one“ aus. Die fünf jungen Menschen, ich würde sie als „gescheiterte Existenzen“ beschreiben, treiben durch einen Sommer ohne Sorgen auf dem Landgut am See. Die Idylle wird jedoch fragiler, als Fragen nach dem Erben von Florence Wendman alle aufschrecken, und gipfelt schließlich mit der Ankunft eines weiteren jungen Mannes und einem mehr und weniger überraschenden Ende entgegen.

Die Geschichte lässt sich schnell und einfach lesen und zieht einen gleich in den Bann. Sehr subtil wird hier ein thriller-artiger Spannungsbogen aufgebaut, aufmerksamen Lesern werden von Anfang an immer mal wieder Bemerkungen auffallen, die auf ein „nicht so gutes“ Ende hindeuten. Dementsprechend ist dann auch die Erwartungshaltung, ein dezent mulmiges Gefühl machte sich in mir breit und die Spannung stieg. Das hier war ein klassisches Buch, bei dem ich mir sagte, „nur noch das eine Kapitel, dann hör ich auf“. Was natürlich nicht funktionierte. Ich las bis zum bitteren Ende.

Fazit:

Die Autorin hat einen wunderbaren, angenehmen und einnehmenden Schreib- und Erzählstil. Ich wollte dank der subtilen Spannung am liebsten immer nur weiterlesen, was ich ja dann bis in die Nacht und bis zum Buchende tat. Trotzdem – bereits am Anfang der Geschichte waren die Charaktere blass und blieben es irgendwie bis zum Schluss. Die „Fünf“ Hauptprotagonisten legten stellenweise eine starke Naivität an den Tag. Einige Handlungen waren für mich so überhaupt nicht nachvollziehbar gewesen. Der Schluss war dann in einem Teil schon vorher länger absehbar geworden, allerdings gab es auch ungeahnte Überraschungen.

Das Buch lässt mich etwas ratlos zurück, da ich in Büchern immer irgendwie einen Sinn oder etwas Lehrreiches suche. Hier habe ich nichts gefunden. Ich könnte nun anführen, dass es in dieser Geschichte um Gruppendynamik innerhalb einer Freundschaft/Gemeinschaft bis hin zu einem Verbrechen, mit dem alle vordergründig einverstanden sind, geht, aber das war mir nicht ausreichend genug. Deswegen würde ich dieses Buch als nicht nachhaltig einstufen, und würde es auch meinen Lesefreundinnen nicht empfehlen. Natürlich gibt es sicherlich auch gegensätzliche Meinungen, auf die bin ich gespannt …

 

 

Ausführlicher Inhalt und weitere Bemerkungen

 

* * * Vorsicht Spoiler ! * * *

Bitte nur weiterlesen, wenn ihr alles wissen wollt!

Die Geschichte beginnt mit einem kurzem Resümee der Ich-Erzählerin Martina und einem Rückblick auf den Anfang der Ereignisse. Martina arbeitet als Aushilfskraft in einem Göteborger Hotel, sie steht dort auf der untersten Stufe der Hierarchie. Sie hat nichts gelernt, und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Nach einem im wahrsten Sinne des Wortes Sch… Tag im Hotel, wird ihr die Wohnung gekündigt. Sie beschließt, zu Ihren Eltern zu fahren. Ich als Leser habe gestutzt, als Martina, die das erste Mal nach vier Monaten wieder nach Hause kommt, ohne eine besondere Begrüßung ein und aus geht. So als ob sie gerade mal zwei Stunden weg gewesen wäre, wie ein Möbelstück. Ihre Mutter kommt mir distanziert vor, da fehlen mir die emotionalen Momente. Ebenfalls als Martina herausfindet, dass ihr Zimmer der Wohnungsvergrößerung zum Opfer gefallen ist und nun ein Teil des Wohnzimmers ist. Das wird ihr so nebenbei mitgeteilt a laist ja nicht schlimm Schatz, aber ich wollte ein helleres und größeres Wohnzimmer“. Du wolltest ja sowieso nicht mehr bei uns einziehen, oder?“ Also, das ließ mich richtig zwiespältig zurück, da mir hier einfach ein Stück weitergehende Erklärung und Emotion fehlte. So, als würde ein Teil vom Text fehlen.

Nach dem Schock, dass sie kein Zimmer mehr zu Hause bei den Eltern hat, geht Martina erst mal einen Kaffee trinken und trifft dort ihre Freundin Tessa. Auch hier – jahrelang haben sie sich nicht gesehen und dann so ein fast schon seelenloses wiedertreffen, es war dieselbe emotionslose Situation wie bei den Eltern.

Nun beginnt aber die eigentliche Geschichte, denn Tessa arbeitet für die 87-jährige Florence Wendman, eine alte verwirrte Dame, die auf dem idyllischen Gut Glimmenäs lebt. Florence ist in den 40iger Jahren „stehen geblieben“. Tessa ist für sie die Nichte Therese, die als Bedienstete bei ihr lebt und auch Martina wird gleich als Sekretärin „eingestellt“. Dafür müssen die beiden jungen Frauen aus einem Kleiderfundus original Kleidung aus den 40iger Jahren tragen. Ähnlich wie bei „Dinner for one“ möchte Florence alle zwei Wochen ein Dinner für ihre alten Freunde und Geschäftspartner ihres Vaters richten. Diese leben natürlich schon lange nicht mehr, aber das fällt Florence nicht auf, bzw. sie will es nicht sehen. Der Tisch jedenfalls wird ordentlich mit Tafelsilber eingedeckt. So vergehen die ersten Wochen auf Gut Glimmenäs, Martina gewöhnt sich an die „streng vertraulichen“ Schreibtätigkeiten von Floreence, die ihr allesamt erfunden scheinen, aber sie spielt das „Spiel“ mit.

Erste Risse in der ruhigen Idylle gibt es, als es vor Gut Glimmenäs einen Unfall gibt: die 17 jährige, magersüchtig aussehende Judith hat einen Autounfall. Auf Gut Glimmenäs wird erste Hilfe geleistet, und als Florence das Mädchen erblickt, bekommt diese auch eine Rolle, die sie sogleich annimmt. Judith ist eine Jüdin die aus dem Konzentrationslager geflohen ist, natürlich nur im Spiel. Judith gefällt das „Spiel“ und so nistet sie sich ein. Florence beginnt Judith zu bevorzugen, unterhält sich überwiegend nur noch mit ihr. Es kommt zu Spannungen. Martina wird leicht eifersüchtig, da bisher sie die wichtigste Kontaktperson von Florence war. Auch war mir ganz klar, das Judith etwas verbirgt und hier muss der Leser fast bis zum Schluss warten, bis dieses Rätsel gelöst wird.

Um sich abzulenken, sie sind jetzt schon wochenlang auf Gut Glimmenäs, fahren sie in die nächst größere Stadt in eine Disko. Dort lernen sie zwei interessante junge Männer kennen. Pontus ist Unternehmer, Andreas macht seine IT. Angeheitert fahren alle nach Gut Glimmenäs und Tessa beginnt ein Verhältnis mit Pontus. Währenddessen versucht Martina genaueres über die Firma rauszufinden, mit der Pontus und Andreas sich selbstständig gemacht haben. Die Firma ist so gut wie insolvent, Geld hat keiner. Damit passen die beiden gut in die bestehende 3er-Gruppe.

Zufälligerweise begegnet Florence am nächsten Morgen den beiden Männern und „sortiert“ sie gleich in ihr Spiel ein: Andreas ist der Hausmeister, und Pontus wird ihr Assistent, der sich nun durch ihre fantastischen geheimen Papiere wühlen darf.

Zitat Seite 105: Dabei hatte Florence in all Ihrer Verrücktheit die Charaktere genau richtig erfasst. Sie hatte den selbstsicheren Charme von Pontus erkannt und auch sein Talent, immer das zu bekommen, was er wollte, ohne dass sich jemand davon übervorteilt fühlte. Und sie hatte Andreas Geschicklichkeit erkannt und gesehen, wie liebevoll er sich um Dinge und Menschen kümmern konnte. So wie sie meine Ordnungsliebe, Judiths Verlorenheit und Tessas Energie und Tüchtigkeit erkannt hatte.

Die Handlung war bis dahin sehr gefällig und glatt, alles passt fast schon zu gut, und trotzdem begann sich nun ein sehr subtiler Spannungsbogen aufzubauen. Der Leser ahnt, irgendwas wird passieren, nur wann und was!? Als ich mit dem Lesen dieses Buches angefangen hatte, wollte ich eigentlich nur eine halbe Stunde vor dem Einschlafen lesen, aber ich las nun das komplette Buch in einem Rutsch durch.

Zunächst passiert nicht viel. Alle lassen es sich gut gehen auf Gut Glimmenäs. Einzig allein die Frage nach dem Zimmer von Florences Vater, das nicht betreten werden darf, gibt Anlass zu Spekulationen. Die Wochen und Monate vergehen, bis irgendeiner in die Idylle hinein fragte, ob Florence ein Testament hätte. Ich hatte gleich Pontus in Verdacht, und so war es auch. Die anderen nehmen es noch relativ gleichgültig hin, bis das Testament gefunden wird und Pontus eine Ausschicht auf ein schönes Leben in den Köpfen der anderen reifen lässt. Er will die Erbengemeinschaft der „Wendman‘schen Gesellschaft“ wieder auferstehen lassen, mit ihnen allen als Gesellschafter und Erben.

Ich fand das ganze überhaupt nicht realistisch und war erstaunt, wie schnell und widerspruchslos die anderen darauf eingingen, jeder getrieben von seiner eigenen finanziellen desolaten Situation. Es werden große Pläne geschmiedet und sogar Nachforschungen zu der Wendman’schen Gesellschaft getätigt. Natürlich alles hinter Florence Rücken. Bis eines Tages ein wahrer Erbe auftaucht, seltsamerweise ein junger Mann Namens Carl Henrik Gyllenmard, genau wie einer der alten verstorbenen Gesellschafter. Er ist es gewohnt, von hinten bis vorne bedient zu werden, er behauptet der Neffe von Tante Florence zu, er kennt sich bestens aus im Haus und behandelt sie alle wie Dienstboten, die sie auch im Grunde genommen sind.

Ich als Leser war ratlos, war dieser Carl Henrik echt? Gab es ihn wirklich? War er wirklich der Erbe? Oder war er ein Hochstapler oder Schauspieler wie die anderen auch?

Als Florence einen Herzinfarkt erleidet, lernen Tessa und Martina am Krankenbett eine Freundin von Florence kennen. Diese berichtet ihnen und auch dem Leser die fehlenden Puzzleteile dieser Geschichte, über Florence Vater und auch über Carl Henrik.

Die fünf jungen Menschen halten weiterhin an ihrem Plan fest, sie wollen erben. Als einziger stört sie dabei der „wirkliche“ Erbe, Carl Henrik. Doch Pontus und Andreas ersinnen eine wenig überraschend mörderische Lösung. Dennoch dreht am Schluss einer durch und es gibt ein überraschendes Ende für mehrere Personen.

Fazit:

Die Geschichte ist wirklich gut und spannend geschrieben, einzig die blassen Charaktere und auch die stellenweise naive Herangehensweise der Fünf jungen Leute störte mich.

Das Buch lässt sich super-gut lesen, allerdings fragte ich mich hinterher, wo denn der Sinn dieser Geschichte geblieben war. Für mich ist es einer jener Geschichten, die mir wahrscheinlich nicht in Erinnerung bleiben werden, da ich keine Ansatzpunkte für mich in den Personen gefunden habe. Ich habe überlegt, und das einzige was mir einfällt, wäre, dass eine bestimmte Art von Gruppendynamik gezeigt werden sollte; vom guten Leben bis zum Mord.

Alles in allem: Gut geschrieben, spannend, aber so gar nicht nachhaltig. Schade.

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