Kalisa, Karin – Sungs Laden

Kalisa, Karin Sungs Laden 978-3-406-68188-2 C.H. Beck Verlag

Kalisa, Karin
Sungs Laden
978-3-406-68188-2
C.H. Beck Verlag

Inhalt:

Am Anfang ist es nur eine alte vietnamesische Holzpuppe, die in der Aula einer Grundschule Kinder und Lehrer bezaubert. Noch ahnt keiner, dass binnen eines Jahres der Prenzlauer Berg auf den Kopf gestellt werden wird: Das Szene-Viertel entdeckt seinen asiatischen Anteil und belebt seine anarchisch-kreative Seele neu. Brücken aus Bambus spannen sich zwischen den Häusern, Parkraumwächter tragen Kegelhüte, auf Brachflächen grünt exotisches Gemüse, und ein Zahnarzt macht Sonntagsdienst für Patienten aus Fernost. Nachdem auf dem Dach des Bezirksamts kurzzeitig auch noch die

Ho-Chi-Minh-Flagge wehte, münden die Aktionen in ein Fest, wie der Kiez noch keines erlebt hat: großes vietnamesisches Wassermarionettentheater in einem Ententeich! Vom Gemischtwarenladen des studierten Archäologen Sung nimmt all dies seinen Ausgang. Hier treffen die Schicksale ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter mit den Lebensgeschichten früherer DDR-Bürger zusammen, von hier aus wird der Kiez nicht nur mit Obst und Gemüse, sondern auch mit dem guten Geist der Improvisation versorgt. Und siehe da: Gute Laune ist auch in Berlin möglich! Eine Utopie, natürlich. Aber eine hochgradig ansteckende. (Quelle C.H. Beck Verlag)

Meine Meinung:

Im „Börsenblatt“ des Buchhandels wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Mein Blick fiel auf das ungewöhnliche und faszinierende Cover und als erstes „stach“ mir die sogenannte „Affenbrücke“ ins Auge. Da wusste ich allerdings noch nicht, dass diese Brücken „Affenbrücken“ genannt werden, das erfuhr ich erst im Laufe des Buches.

Der Kontrast des Covers aus traditioneller Affenbrücke und darunter die moderne Großstadt ist eine gute Einstimmung in dieses Buch. Die Geschichte handelt von der vietnamesischen Familie Tran, von ihren Anfängen in der DDR. Hien Tran, Sungs Mutter, kommt als sogenannte Vertragsarbeiterin nach Berlin. Wie sie ihren Mann Gam kennenlernt, wie ihr Sohn Sung geboren wurde, was mit seiner Schwester geschah, warum sie in Berlin bleiben durften und wie sie zu einem kleinen Laden kamen, der in den Mittelpunkt der Erzählung rückt. Hien’s und Sung’s Leben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und wie ein ganzes Viertel in den Bann einer Art vietnamesischer Subkultur am Prenzlauer Berg gezogen wird.

Die Geschichte wird in kleinen Kapiteln sehr übersichtlich erzählt. Das faszinierende ist die Vermischung und das Nebeneinander von Kulturen: Vietnamesen und Berliner. Ich habe am Anfang Vergleiche zur Autorin Amy Tan gezogen. Jedoch kann ich beide Autorinnen nicht vergleichen. Karin Kalisa schreibt nicht in wunderschöner schnörkeliger Sprache, sonder treffend kurz und knapp und dabei umso wirkungsvoller. Unweigerlich wollte ich mehr über die Familie Tran wissen.

Die Geschichte nimmt in der zweiten Hälfte dabei allzu glücklich-zufällige Wendungen, nicht nur die Familie Tran betreffend, sondern das ganze Stadtviertel. Dies könnte unglaubwürdig wirken, aber ich empfinde es hier eher als eine zauberhafte und magische Komponente.

Fazit:

Das Buch lässt sich schnell und einfach lesen. Die Geschichte hat mich vor allem und gerade durch die vietnamesische Großmutter Hien fasziniert und die Kontraste zwischen deutscher und vietnamesischer Kultur. Der Titel „Sungs Laden“ passt genau zur Geschichte, denn er ist der Dreh- und Angelpunkt für alle mitspielenden Protagonisten. Als Leser bekam ich richtig Lust, mir vietnamesische Läden am Prenzlauer Berg in Berlin stellvertretend für Sungs Laden“ anzuschauen oder einen vietnamesischen Großmarkt in Berlin zu besuchen.

Im letzten Drittel fügt sich alles allzu glatt und zufällig zusammen, eins greift ins andere und es könnte Unglaubwürdig sein, jedoch macht genau dies die Magie und den Zauber dieser Geschichte aus.

Weiter geht es mit meiner ausführlichen Rezension, aber:

***Achtung Spoiler***

Die Geschichte beginnt mit einer „weltoffenen Woche“ in der Schule, und mit Sung’s Sohn und Hien’s Enkel Minh. An Minh’s Grundschule gibt es 21 Nationalitäten und jede soll ein Kulturgut vorstellen. Alles kann mitgebracht werden, nur nichts zu Essen. Die Lehrer stöhnen unter der zusätzlichen Last, interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln und eine kleine Aufführung mit den Schülern zu organisieren. Auch Minh’s Vater will sich nicht wirklich mit einem vietnamesischen Kulturgut befassen, er und sein Sohn sind in Deutschland geboren und wissen von ihrem „Heimat-Land“ nicht viel.

Zitat S. 14/15: „Später hat sich Sung öfter gefragt, ob er nicht eine Ahnung, ein winzige Ahnung gehabt hatte, dass etwas ins Rollen kommen würde, als er seinem Sohn keine Winkekatze und kein Plastikwindrad in die Hand gedrückt, sondern ihn zu seiner Großmutter geschickt hatte, die als einziges Mitglied seines Haushaltes in Vietnam aufgewachsen war und eines von diesen Kulturgütern zur Hand haben mochte. Oder wenigstens eine Idee. Sie hatte ein Kulturgut, und sie hatte eine Idee. Eigentlich war es mehr eine Eingebung als eine Idee, oder besser noch, ein Coup. Obwohl auch sie nicht wissen konnte, dass sie damit zwar nicht die Welt, aber immerhin einen beachtlichen großen Stadtteil in Berlin so verändern würde, dass er sich auf einmal selbst wiedererkannte.“

Minh’s Großmutter und Sung’s Mutter heißt Hien. Sie kam 1980 als eine der ersten, sogenannten Vertragsarbeiterinnen der DDR nach Berlin. Hierzu kann man auf Wikipedia einiges nachlesen, von den Bedingungen, z.B. dass es kein Bleiberecht gab und dass auch die Familien nicht nachkommen durften. Im Falle einer Schwangerschaft drohte die Ausweisung, die Vietnamesen lebten in abgeschotteten Wohnblöcken usw. In Hien‘s Geschichte klingt ein kleiner Teil davon durch.

Eine alte 1,50m große Holzpuppe spielt hintergründig eine Hauptrolle. Wunderschön beschrieben und aus duftendem Feigenholz hergestellt. Im Sockel befindet sich eine Mechanik aus Rollen und Schnüren. Ich hatte vorher noch nie zuvor von solchen Puppen und vor allen nicht von einem Wasser-Marionetten-Theater gehört. Absolut faszinierend und ich hoffe auf eine Gelegenheit, mir so etwas mal anzuschauen zu können. Diese speziellen Holzpuppen wurden für Wassertheater benutzt, und in Vietnam wurde diese Kunst von Vätern auf die Söhne vererbt. Im Internet habe ich dazu einen Link über ein Wassertheater in Lübeck gefunden: http://www.wassertheater.de/home.php Hier gibt es ein Programm und interessanter Weise sogar eine Diplomarbeit einer Österreichischen Studentin zu diesem Thema zu sehen.

Wieso Hien diese Kunst erlernte, und warum sie und Gam in Berlin bleiben durften, wird in diesem Roman, inspiriert durch Fakten aus Zeiten der DDR, fiktiv erzählt.

Der Roman ist in zwei Teile geteilt, die erste Hälfte erzählt überwiegend von Hien, die zweite Hälfte überwiegend von ihrem Sohn Sung.

Sung, der in Berlin groß wurde, der Deutscher ist aber wie ein Vietnamese aussah. Der sich dessen immer bewusst ist, sein Abi machte, Archäologie studieren wollte und dann nach dem Tode seines Vaters den Laden übernahm und aus diesem „Sung’s Laden“ wurde. Der eine Familie gründete und mit seinem Kulturen-„Misch-Masch“ versucht, ein ruhiges Leben zu führen. Die Beschreibung von Sungs Laden ist einfach wundervoll. Ein Parallel-Universum, fast schon wie Harry Potters Winkelgasse.  

Sehr eindrücklich wurde beschrieben, als Sung das erste mal in einem vietnamesischen Großmarkt in Berlin einkäuft. Ich konnte als Leser diese Zerrissenheit zwischen Kulturen kaum aushalten.

Nachdem Hien mit ihrem Enkel ihr Kulturgut in der Aula der Schule präsentiert hat, kommen die Dinge ins Rollen. Ganz plötzlich wird Hien eine Inspiration, eine Quelle für alle, die sie in der Schule gesehen haben. Plötzlich wachen Lehrerinnen aus ihrer Erstarrung auf, werden kreativ in jeglicher Hinsicht. „Verlieben“ sich in das exotische meergrüne Kleid aus Seide oder in die Holzpuppe. Fragen nach Hien, besuchen sie in Sungs Laden. Es entstehen Querverbindungen von Protesten bis zu Affenbrücken, neue Protagonisten stoßen dazu, der Prenzlauer Berg kam mir ganz leicht bemerkbar glitzernd und flirrend vor, der Leser, die Protagonisten spüren, es geht etwas vor sich. Und Sungs Laden war der Ausgangspunkt einer Art stillen „Revolution“.

Die neuen Protagonisten ändern sich in irgendeiner Art und Weise zum guten hin, und allzu realistischen Lesern werden die vielen Zufälle und Begebenheiten in der Geschichte suspekt vorkommen. Man braucht dafür schon ein bisschen innere Vorstellungskraft, dass alles so auf magische und zauberhafte Weise zusammenwächst. Jedem neuen Protagonisten wird ein kleines Kapitel gewidmet und manche tauchen auch später nochmal in einer Nebenrolle auf:

Lehrer, Puppenbauer, Parkraumwächter, Standesbeamter, Industriekletterer, Antiquar, Imbiss-Besitzer Zahnarzt …

Besonders fand ich den resignierten Standesbeamten mit seinem Faible für Schriften, der am Schaufenster eines Antiquars stehen bleibt und fasziniert vietnamesische Auslagen aus DDR Zeit bewundert. Dort konnte der Beamte für sich viele neue diakritische Zeichen entdecken. Ich als Leser indes machte mir das erste Mal überhaupt Gedanken darum. Was sind überhaupt diakritische Zeichen und was sind Minuskel? Das habe ich dann natürlich alles nachgeschaut.

Oder was war mit den Industrie-Kletteren, die plötzlich begannen, Affenbrücken zu bauen? Vietnamesische Affenbrücken aus einer speziellen Bambusart (Dendro calamus/Riesenbambus).

Meine Gedanken begannen sich zu drehen. In meinem Gedächtnis gab es ein altes chinesisches Serviertablett. Ich rief meine Mutter an und sie erzählte mir, dass dieses Tablett von einem mittellosem chinesischen Studenten gegen eine Fahrradreparatur in Refrath/Roth (?) eingetauscht wurde. Und zwar von dem Mann der Schwester des Großvaters meiner Mutter, der dort vor 80 Jahren ein Fahrradgeschäft hatte. Ein Kulturgut? Es gab damals noch ein Teeservice zu diesem Tablett, dies ist aber im Besitz eines anderen Teils unserer Familie. Kann auch sein, dass es schonverkauft wurde.

Vielleicht gibt es die ein oder anderen Erbstücke, die ebenso damals zu der Zeit der Vertragsarbeiter den Besitzer gewechselt haben? Vielleicht hat die ein oder andere Berliner Familie noch solche Stücke zu Hause? Mich würde das wirklich interessieren und vielleicht liest jemand diesen Beitrag und möchte mir ein Foto dazu schicken.

Sicherlich könnte ich diesen Roman erfahrenen Berlin-Reisenden als Ideengeber für neue Inspiration empfehlen. Oder auch für Reisende, die noch nie in Berlin waren. Es ist schon ein spezieller Teil der DDR-Geschichte, aber auch sehr interessant und nicht jeder wird darüber Bescheid wissen.

Gerne anschauen würde ich mir, wie bereits oben in der kurzen Beschreibung erwähnt, die vietnamesischen Geschäfte am Prenzlauer Berg und einen Vietnamesischen Großmarkt.

Zu letzteren habe ich hier einen Link, Berlins größer Asia-Markt: http://www.dongxuan-berlin.de/de/

Allerdings gibt es wohl noch andere, am besten also mal selber googeln was es gibt und was gefällt.

Auf den letzten Seiten des Buches gibt es nützliche Anregungen und Informationen zum Thema vietnamesische Vertragsarbeiter.

Alles in allem, ein Buch das mir wieder jede Menge Inspiration und Stoff zum Nachdenken gegeben hat.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Kalisa, Karin – Sungs Laden

  1. Pingback: Meine „Besten Bücher aus 2016“ | buecherfuellhorn

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