Weiler, Jan – Kühn hat zu tun

 

Weiler, Jan Kühn hat zu tun ISBN 978-3-463-40643-5

Weiler, Jan
Kühn hat zu tun
ISBN 978-3-463-40643-5

Inhalt:

Endlich! Nach seinen Bestsellern „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und „Das Pubertier“ legt Erfolgsautor Jan Weiler seinen neuen Roman vor.

Martin Kühn ist 44, verheiratet und hat zwei Kinder. Er wohnt auf der Weberhöhe, einer Neubausiedlung nahe München. Früher stand dort mal eine Munitionsfabrik. Aber was es damit auf sich hatte, weiß Kühn nicht so genau. Es gibt ohnehin viel, was er nicht weiß: Zum Beispiel, warum von seinem Gehalt als Polizist nach allen Abzügen ein verschwindend geringer Betrag zum Leben bleibt. Wieso sich alle Frauen Pferde wünschen. Ob er sich ohne Scham ein Rendezvous mit seiner rothaarigen Nachbarin vorstellen darf. Warum er jeden Mörder zum Sprechen bewegen kann, aber sein eigener Sohn nicht mal zwei Sätze mit ihm wechselt. Welches Geheimnis er vor sich selber verbirgt. Und vor allem, warum sein Kopf immer so voll ist.
Da wird ein alter Mann erstochen aufgefunden. Das Opfer liegt gleich hinter Kühns Garten in der Böschung. Und Kühn hat plötzlich sehr viel zu tun. (Quelle rororo Verlag)

Meine Meinung:

Der erste Krimi von Jan Weiler, dem Autor von „Maria, ihm schmeckt‘s nicht“ und „Das Pubertier“. Das Buch hat mich hauptsächlich wegen dem Autor interessiert, der bisher immer kurzweilig, witzig und pointiert geschrieben hat. Außerdem lese ich gerne Krimis.

Ich hatte fälschlicherweise einen witzigen Krimi erwartet und war daher ein klein wenig enttäuscht. Aber nicht lange.

Die Geschichte nimmt einen gleich „gefangen“, auch wenn sie ungewöhnlicher weise am letzten Märztag 1945 beginnt, als Rupert Baptist Weber energisch durch seine Munitionswarenfabrik schritt, schließlich nach draußen geht, die Chemikalienbehälter öffnet, Benzin vergießt eine Zyankali-Tablette nimmt, und in letzter Sekunde mit einem Feuerzeug alles in Brand steckt. Später wird man diesen Einstieg als zweiten Handlungsstrang der Geschichte verstehen, und hätte sich diesen auch noch mehr ausgeschmückt gewünscht, oder vielleicht als zweiten Band mit Hauptkommissar Martin Kühn.

Jedenfalls ist das Gelände der Munitionsfabrik ein halbes Jahrhundert später eine Wohnsiedlung und Vorzeigeobjekt – und Rupert Baptist Weber wird fälschlicherweise als Held verehrt.

Die Siedlung wird „Weberhöhe“ genannt.

Martin Kühn wohnt mit seiner Familie in dieser Siedlung. Er ist 44 Jahre, hat 25 Dienstjahre bei der Polizeivoll, ist Hauptkommissar und hat sich mit seiner Arbeit weitgehend arrangiert, nichts regt ihn wirklich auf, er ist auf alles gefasst. Leichen, Verstümmelungen und Ermordungen tangieren ihn nicht, er steckt gefasst alles weg. Er denkt pragmatisch.

Seite 24: „Eine Altbauwohnung in München wurde in hundert Jahren gut und gerne acht- oder neunmal vermietet, und die Chance, in eine Wohnung zu ziehen, in der schon mal eine Leiche gelegen hatte, war relativ groß. So einfach war das für ihn.“

Er kennt seine Nachbarschaft, der Alltag in der Familie und ja auch ein gewisser Alltag auf seiner Arbeit ist sehr strukturiert, auf Effizienz ausgerichtet. Von daher wundert es ihn, dass er in letzter Zeit von einer Sekunde auf die andere von einem unablässigen, ungefilterten Gedankenstrom überfallen wird. Unzusammenhängende Ereignisse, Termine, Alltag und Erinnerungen wallen sich auch nachts ungefiltert zu einem Gedankenwirrwarr zusammen, dem er machtlos gegenüber steht. Er schläft schlecht. Seine Frau und seine Kollegen diagnostizieren einen Burnout, Kühn will davon jedoch nichts wissen.

Seite 52: „Sein Kopf. Seit einiger Zeit ließ sich kein Gedanke mehr zu Ende führen. Kühn fand einfach zu keinem Schluss mehr, zu keiner Entscheidung. …“

Er rechnet sich öfter aus, was ihm vom Leben bleibt, ausgehend von seinen 3421E Gehalt:

Davon werden abgezogen: 1200E Rate Haus, 240E Vers., 201E Vers. Ehefrau, 300E Lebensversicherung, 100E Rentenversicherung, 120E Bahnkarten für die ganze Familie, 100E Internet/Telefon/Handy, 80E Rate Gartenmöbel, 200E sparen Urlaubsgeld, 250E Altenheim für seine Mutter. Bleiben 550E. Es sind noch keine Lebensmittel gekauft.

Die eigentliche Geschichte beginnt mit einer Alltagsituation auf der Arbeit. Kühn wird zu einem Mord gerufen, und verhört den Enkel des Ermordeten. Kühns Gesprächstaktik ist einfach genial, ein Katz und Mausspiel, durchzogen aber auch von einer souveränen Routine.

Seite 53: „Dann fühlte er sich, als befände er sich im Körper seines Gegenübers. Er konnte regelrecht in Tätern lesen. Und vielleicht war das auch der Grund dafür, dass ihn niemand belügen konnte.“

Der Täter gesteht und der erste Fall wäre damit erledigt, als hinter Kühns Haus eine Leiche gefunden wird. Nun kommen einige Dinge ins Rollen, die Kühn sicherlich nicht erwartet hätte. Auf der Suche dem Mörder erfährt der Leser viel über die Vorzeige-Kleinstadt-Idylle, über das Innenstadtleben und -Sterben, über Kulturprogramme, den Ausländeranteil etc. und für all dies steht exemplarisch die Weberhöhe. Dem Autor ist eine bemerkenswerte Stadtrandsiedlung-Charakterstudie gelungen.

Kühn ermittelt und versinkt immer tiefer in seinem Gedankenkarussell. Sein Alltag zu Hause ist auch nicht mehr so, wie er sich das vorgestellt hatte, das Familienleben läuft ohne ihn. Seine Tochter will ein Pferd, dass er nicht bezahlen kann, sein Sohn mutiert zu einem Nazi. Seine Frau macht einfach weiter und Kühn schielt nach einer rothaarigen Nachbarin die im Telefonmarketing in der Erwachsenen-Unterhaltung arbeitet (Pay TV …).

In der Siedlung mehren sich die Fälle, eines unbekannten giftigen Schimmelpils in den Kellern, auch Kühn entdeckt in seinem Keller einen kleinen orangefarbenen Fleck. Das Leben schnürt ihm die Luft zu.

Der Leser wird von Anfang an mitgenommen, die Lage spitzt sich immer mehr dramatisch zu: Der Mordfall, sein Sohn ein Nazi, sein Gedankenkarussell, seine Karriere, sein Haus, seine Familie, das Pony ….

Nachdem es kam wie es kommen musste, und Kühn auf dem Polizeirevier zusammengebrochen ist, kommt ihm Nachts wie ein Geistesblitz eine plötzliche Klarheit über ihn. Das Puzzle entwirrt und setzt sich neu zusammen, er erkennt Zusammenhänge und weiß nun, wer der Mörder ist.

Kühn macht sich mitten in der Nacht auf den Weg, um diesen zu verhaften …

 

Fazit:

Nicht so wie erwartet, trotzdem, diese Geschichte hatte das gewisse „Etwas“. Sicherlich würde ich auch noch einen zweiten Bahn mit Hauptkommissar Kühn lesen.

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